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Big Bang von Chris Tille

DER KOSMISCHE URKNALL ALS KUNSTWERK

VON KREATIVITÄT, WISSENSCHAFT, KUNST, BRÜCHEN IM LEBEN UND DER NASA

Das wohl berühmteste Licht-Zitat stammt von dem österreichischen Lyriker Anastasius Grün in seinem Gedicht „Pfaff vom Kahlenberg: ein ländliches Gedicht“ (Kapitel 25: Im Pfarrhause. Nachtgedanken) aus dem Jahre 1850.

Und taucht und ringt empor mit Macht,

Ein Wandervogel auf Sehnsuchtschwingen;

Doch ist sein Flug zur düstern Ferne

Umstellt vom Strahlennetz der Sterne!

Drin hat das Vöglein sich verfangen

Und sitzt auf goldnen Kerkerstangen,

Die rings die Welt umgittern dicht,

Und singt: „Im Anfang war das Licht!“

Österreichischer Lyriker Anastasius Grün

Die astronomische Sichtweise auf das Licht, die Grün in seinem Werk annimmt, adaptiert der Fotograf und Künstler Chris Tille auf völlig revolutionäre Weise - sowohl von der künstlerischen als auch der wissenschaftlichen Seite.

Chris Tille

2013 gelang es dem amerikanischen Physiker John G. Cramer erstmalig, die Signatur des Urknalles und der folgenden 760.000 Jahre in Schallwellen umzuwandeln – in Form einer Audiodatei. Er verwendete dabei Daten über den kosmischen Mikrowellenhintergrund der Planck-Satellitenmission der Europäischen Weltraumorganisation.

Chris Tille fand nach zweijähriger Recherche eine Methode, diese Schallwellen als Lichtpunkte auf Fotopapier darzustellen und das kosmische Ereignis in seinem Kunstwerk „Big Bang“ sichtbar zu machen. Fortsetzung fand diese Arbeit in dem Kunstwerk „First Light“, in dem er das älteste Licht der Welt in Lichtpixeln visualisierte, das 380.000 Jahre nach dem Urknall entstand und 13,7 Milliarden Jahre brauchte, um die Erde zu erreichen. Zu der Serie von Kunstwerken mit wissenschaftlichem Hintergrund gehört auch „10.000 AD“, ein monumentales Bild, das etwa 1000 Arbeitsstunden umfasste, bei denen Tille exakt nach Angabe der Sternenkataloge Tycho II und Hipparcos rund 1,2 Millionen Sterne per Hand an ihrer korrekten Position in der Zukunft platzierte.

New Horizon – ein kosmisches Ereignis

Und nicht zuletzt „New Horizon“, das den Zusammenstoß zweier schwarzer Löcher vor 1,3 Milliarden visualisiert. Das gigantische kosmische Ereignis strahlte 50-mal mehr Energie aus als das Licht aller Sterne im Universum. Als die entsprechenden Wellen im September 2015 die Erde erreichten und von LIGO (Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory) eingefangen wurden, bestätigten sie Albert Einsteins Hypothese über die Existenz von Gravitationswellen sowie seine Theorie über die Krümmung der Raumzeit. Ein riesiger Meilenstein in der Wissenschaft und für Tille Grundlage für sein Kunstwerk, in der helle und dunkle Pixel die Lautstärke und Tonhöhe der Schallwellen repräsentieren.

New Horizon

Die Bilder sind allesamt eine künstlerisch elegante und wissenschaftlich präzise Darstellung astrophysikalischer Tatsachen. Mit Hilfe komplexer Algorithmen schafft Tille Werke von tiefgreifender Bedeutung, die uns einen Einblick in das Innenleben des Universums geben - sogar in die Schöpfung selbst.

Die hohe Präzision in der Umsetzung der astro-physikalischen Fakten und seine außergewöhnliche Ästhetik überzeugte selbst das Max-Planck-Institut, wo er mit PD Dr. Torsten Enßlin (Leiter des Max-Planck-Instituts im Astrophysics Planck Analysis Centre (MPAC) eng zusammenarbeitet. Das Institut liefert mittlerweile häufig die für seine Projekte benötigten Rohdaten.

Im persönlichen Gespräch mit LEDVANCE erläutert Tille, wie er neben seinem Job als Fotograf zum Künstler wurde und die Wissenschaft als Quelle seiner Kreativität entdeckte.

Das Interview

Du hast in mehreren fotografischen Projekten künstlerisch dargestellt, wie universelle, physikalische Vorgänge im Universum in Licht darstellbar sind. Wie kamst Du auf die Idee?

Tille: „Nach einer langen Zeit der visuellen Fotografie ging mir in einigen Situationen immer mal wieder die Kreativität verloren. Ein Schock, denn das kannte ich nicht. Ich realisierte aber recht schnell, dass ich den Mut haben muss, Brüche zuzulassen.

Chris Tille
10.000 AD

Ich überlegte und kam auf den Gedanken, dass mich gerne stärker künstlerisch betätigen möchte und mich schon immer die Ästhetik der Elemente und die visuelle Magie des Ursprünglichen faszinierten. Daraus entwickelte ich die Idee, aus Klängen Kunstwerke zu kreieren. Aus unterschiedlichen Frequenzen sollten unterschiedliche Pixel entstehen. Mir wurde schnell klar, dass ich Projekte durchführen wollte, die auf Daten basieren, ich wollte nicht intuitiv und emotional arbeiten, sondern wissenschaftlich fundiert. Ich probierte viel aus, aber zunächst funktionierte nichts zufriedenstellend.

Dann, wie so oft im Leben, spielte der Zufall eine entscheidende Rolle. Ich hatte in einer wissenschaftlichen Zeitschrift über Prof. John Cramer gelesen, der es als erster Wissenschaftler geschafft hat, basierend auf reellen Daten des Max-Planck-Instituts, den Urknall hörbar zu machen. Ich habe dann Kontakt zu Prof. Cramer aufgenommen und dankenswerterweise die Sound-Dateien von ihm bekommen. Ich brauchte dann rund zwei Jahre, um mit dem Datenmaterial die künstlerische Umsetzung zu realisieren und als Ergebnis war ich dann der erste Künstler, der basierend auf diesen Daten den Urknall in meinem Werk „Big Bang“ sichtbar gemacht habe. Ab da bekam ich Zugang zu weiteren wissenschaftlichen Daten, die normalerweise nicht jeder bekommt – und konnte weitere Projekte realisieren.

Wie funktionierte die Methode der Interpretation und Visualisierung wissenschaftlicher Daten bei „Big Bang“?

Tille: „Ich zerlegte den Ton, der sich aus der Frequenz und der Lautstärke ergibt, in visuelle Impulse, also in helle und dunkle Pixel. Ein lautes Rauschen mit einer niedrigen Frequenz erzeugt helle Pixel, während ein leises Rauschen mit einer hohen Frequenz zu einem grauen Pixel führt. Das Ergebnis wird dann in großem Maßstab gedruckt, um die Sichtbarkeit optimal zu gewährleisten.“

Was genau hast in den rund zwei Jahren der Vorbereitung zu „Big Bang“ gemacht?

Ich musste eine Methode finden, um Klänge möglichst genau in Pixelbilder zu verwandeln ubnd diese auf Fotopapier zu bringen. Das war ein langer Prozess des Experimentierens und es gab sehr viele Rückschläge.

Born Dead von Chris Tille
Born dead

Wie geht es für dich als Künstler weiter, woran arbeitest Du gerade?

Ich arbeite weiterhin regelmäßig mit dem Max Planck-Institut zusammen und habe in der Vergangenheit auch mehrere Projekte mit der NASA realisiert. Zudem stehe ich im Austausch mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), die eine ganze Reihe hoch wissenschaftlicher Daten zur Verfügung haben. Nicht umsonst sagt des renommierte Kunstmagazin ART: Das MIT ist das Kreativlabor des Künstlers der Zukunft.

In meinem neuesten Projekt „Born dead“ setze ich ein künstlich neuronales Netzwerk ein. Hier erzeugen zwei sich gegenseitig korrigierende Computersysteme Portraitbilder. Gesichter aus nüchternen Zahlen, Augen aus Nullen und Einsen, Mimik aus mathematischen Berechnungen – eine fantastisch-erschreckende Täuschung unserer Sinne, die zwischen Leben und konstruierter Wahrheit kaum mehr unterscheiden können.

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